Lesung aus dem Werk „Cox oder Der Lauf der Zeit" von Christoph Ransmayr“

22. Literaturtage Bielefeld: Die Kunst des Erzählens

Moderation: Harald Pilzer

Der Kaiser von China hatte gefragt. Obgleich die glanzvollsten Häuser Englands und des gesamten Kontinents mit den Uhren aus der Manufaktur des Londoner Uhrmachermeisters Alistair Cox ausgestattet waren, hatte nie jemand aus dem hochgestellten Empfängerkreis nach dem Schöpfer all der ingeniösen und einmaligen Werke gefragt. Doch der Kaiser von China Qianlong, der – historisch verbürgt – von 1711 bis 1796 lebte, hatte nach ihm gefragt, und ihm das Angebot unterbreitet nach China, nach Beijing in die Verbotene Stadt zu kommen und für ihn dort Uhren zu entwerfen. Nach langer Reise mit der Sirius landen Cox und seine drei Begleiter schließlich in der Küstenstadt Hanzhou, von wo die Reise auf dem künstlich geschaffenen Kaiserkanal weiter geht nach Beijing mit einer Flotte von 35 prächtigen Dschunken, auf deren einer der gottgleiche und zeitlose Sohn des Himmels, der Kaiser, mitreist. Allein dies ist eine maßlose Zurschaustellung von Macht, Prunk und Würde. Und dann erst die Verbotene Stadt mit ihren Plätzen, Palästen und Pavillons. Doch der Kaiser erwartet keine Uhren, keine mechanischen Spielzeuge, die Cox und seine Begleiter für die lange Reise sorgfältig ausgesucht und präpariert hatten. Qianlong, der Herr der zehntausend Jahre, möchte, dass Cox für ihn die Zeit einfange. Der Kaiser wollte, dass Cox ihm für die fliegenden, kriechenden oder erstarrten Zeiten eines menschlichen Lebens Uhren baute, Maschinen, die gemäß dem Zeitempfinden … den Stunden- oder Tageskreis anzeigen sollten – das wechselnde Tempo der Zeit.
Christoph Ransmayr, dessen Romane häufig das Reisen und die Bewegung der Protagonisten in Raum und Zeit thematisieren, man denke nur an den Atlas eines ängstlichen Mannes aus dem Jahre 2012 oder der Darstellung einer österreichischen Polarexpedition in seinem frühen Roman Die Schrecken des Eises und der Finsternis aus dem Jahre 1984, verdichtet den Topos der handwerklichen Zeitherstellung ausgehend von einem historischen Stoff und angesiedelt im 18. Jahrhundert mit sprachlicher Eleganz und betörenden Bildern zu einem Phantasiestück über das Zeitempfinden.

Musikalische Begleitung: Franziska Rees, Cello

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