Die Jungfrau von Orleans

Friedrich Schiller

»Ohne eine dunkle, aber mächtige Totalidee kann kein poetisches Werk entstehen, und die Poesie, deucht mir, besteht eben darin, jenes Bewusstlose aussprechen und mitteilen zu können, d. h. es in ein Objekt überzutragen.« ,schreibt Schiller während des Entstehungsprozesses zur Jungfrau von Orleans. Er ist gepackt von dieser Kultfigur und greift weit in die Geschichte zurück, um seine eigene, im Umbruch befindliche, Gegenwart besser fassen zu können.

Johanna, eine junge Frau, die scheinbar aus dem Nichts kommt, wendet das Blatt einer ganzen Nation, weil sie alles in sich vereint, das nicht zusammen passt: Weiblichkeit, Krieg, Unverwundbarkeit, Mord und Reinheit. Ihr Charisma wird zur Energiequelle für die an allen Fronten geschlagenen Franzosen und zum Schrecken der vormals sieggewohnten Engländer. Ob Heilige, Hexe, Märtyrerin oder Hochstaplerin - Teil der Gemeinschaft kann sie niemals werden. Als ihre Mission erfüllt ist, strauchelt sie. Der Moment des Erbarmens mit dem Feind macht sie bei Schiller angreifbar. Statt der Kriegsmaschine ist da plötzlich ein verwundeter Mensch, des Mythos' entkleidet und dennoch unfähig zur Zweisamkeit. Auf dem Krönungsplatz in Reims steht sie als Dekor neben einem durch sie erstarkten Herrscher und wird vom eigenen Vater öffentlich verleumdet. Ein willkommener Anlass, die ehemals Heilige als Hexe zu vertreiben. Doch Johanna kehrt zurück, erringt einen letzten Sieg und stirbt, um zur Symbolfigur zu werden - für alle, die ihrer bedürfen, für welche Zwecke auch immer.

Schiller hat uns mit seiner Jungfrau von Orleans ein ebenso wirkungsmächtiges wie widerspruchsgeladenes Erbe hinterlassen - keine Reliquie hinter Glas, sondern eine offene Wunde.

Stadttheater
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