“Aus westlichen Richtungen”

Film und Werkstattgespräch mit der Regisseurin Juliane Henrich

Der Film geht von der kindlichen Frage aus, was „den Westen“ mehr sein lässt, als eine Himmelsrichtung. Und legt dann Spuren davon frei, wie er sich als Gesellschaftsmodell in die bundesrepublikanische Nachkriegsgeschichte und -architektur eingeschrieben hat. Lange Schwenks durch nicht verortbare westdeutsche Stadtansichten wechseln ab mit Innenaufnahmen eines Hauses im Prozess der Auflösung. In Fahrten über Autobahnen, Vorortstraßen und Industriegebiete werden die Schauplätze von Zersiedlung und autogerechter Stadt durchquert – zum Takt einer abstrakt-harmonischen Musik, die auf den Grundtönen der Tagesschau-Melodie basiert. In den Suchbewegungen des Films pendelt die Erzählerin zwischen Reflexionen über moderne Architektur und Eigentumsverhältnisse zu kleinteiligen Szenen aus der Kindheit und der weitergereichten Erinnerung an ein „eingeklemmtes Westdeutschland“ in der die Zeit der Eltern in einer K-Gruppe der 70er Jahre nachgezeichnet wird. Kristallisationspunkt ist immer wieder das Einfamilienhaus – von Adenauer und seinen Zeitgenossen als Bollwerk gegen den Osten angepriesen, schon von Engels als Mittel zur Eindämmung allen Aufbegehrens angeprangert. Trotz seiner Anzweiflung erscheint der Westen im Film auch als kindlicher Sehnsuchtsort, in dem „alle noch an das gleiche Fernsehprogramm angeschlossen waren.“
Juliane Henrich studierte Schreiben, Kunst und Film in Leipzig, Berlin und Jerusalem – u.a. bei Thomas Arslan, Heinz Emigholz, Avi Mograbi. 2012 schloss sie ihr Studium an der Universität der Künste in Berlin mit Auszeichnung ab. In ihren Arbeiten beschäftigt sie sich oft mit den sich ändernden Definitionen, die auf Orte angewendet werden. Die Filme und Videoinstallationen wurden auf internationalen Filmfestivals und Kunstausstellungen gezeigt.

Lichtwerk
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