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Daniel James: Verflochtene Rassifizierungen. Zur Verwandtschaft von Antisemitismus und Rassismus
Vortrag und Empfang der Gastprofessur "Interdisziplinäre Antisemitismus- und Rassismuskritik"
Zum Wintersemester 2026/2027 wird die Gastprofessur „Interdisziplinäre Antisemitismus- und Rassismuskritik“ mit Dr. Daniel James besetzt.Antrittsvorlesung mit anschließendem Empfang
Wie hängen Antisemitismus und Rassismus zusammen? Die Debatte bewegt sich häufig zwischen zwei Antworten: Entweder gilt Antisemitismus als kategorial verschieden vom Rassismus oder als dessen besondere Form. Beide Antworten teilen jedoch eine Voraussetzung. Sie behandeln das Verhältnis taxonomisch, also als eine Frage der Einordnung. Diese Frageform verengt den Blick dort, wo Rassismus in der Debatte stillschweigend nach dem Modell antischwarzer und phänotypisch markierter Differenz verstanden wird. Formen rassifizierender Markierung, die sich nicht primär an sichtbaren körperlichen Merkmalen festmachen, geraten so leicht aus dem Blick.
Um aus dieser begrifflichen Verengung herauszukommen, setze ich stattdessen beim Begriff der Rassifizierung an. Darunter verstehe ich einen historischen Prozess, in dem Unterschiede der Herkunft, Religion oder Kultur sozial markiert und Menschen dadurch in Herrschaftsordnungen positioniert werden. Gerade weil Rassifizierung ein historischer Prozess ist, schlage ich vor, die Frage nach dem Verhältnis zwischen Antisemitismus und Rassismus genealogisch zu stellen. Ich frage daher nicht in erster Linie, ob Antisemitismus unter den Rassismusbegriff fällt, sondern wie ethnoreligiöse und koloniale Klassifikationen historisch ineinandergreifen und einander verändern.
Ich prüfe diesen Ansatz anhand der Geschichte sephardischer Gemeinden im atlantischen Raum. Dabei verfolge ich, wie religiöse, abstammungsbezogene, rechtliche und koloniale Klassifikationen vom spätmittelalterlichen Iberien über das spanische Amerika bis in die niederländisch-atlantischen Plantagenordnungen des 17. Jahrhunderts zirkulieren, neu miteinander verbunden werden und unterschiedliche Formen rassifizierter Zugehörigkeit hervorbringen.
Das Ergebnis dieser Rekonstruktion fasse ich unter dem Begriff der Herkunftsverwandtschaft zusammen. Damit bezeichne ich einen historisch hervorgebrachten Zusammenhang, in dem unterschiedliche Rassifizierungsprozesse einander kreuzen und verändern. Auf diese Weise lege ich die historischen Voraussetzungen vertrauter Kategorien frei und entwickle aus dem historischen Material einen Begriff, mit dem sich geschichtliche Verwandtschaft ohne Gleichartigkeit denken lässt.
Zur Person:Daniel James hat Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert und wurde an der Universität Konstanz mit einer Arbeit über Hegels Theorie der Sittlichkeit promoviert. Er war unter anderem an der Humboldt-Universität, der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, der TU Dresden und am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin tätig. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der klassischen deutschen Philosophie, insbesondere bei Hegel und Marx, der Sozialphilosophie, der Philosophy of Race und der Philosophie der Sozialwissenschaften. In seinem Habilitationsprojekt Rassismus ohne Rasse untersucht er Rassifizierung als Prozess herkunftsbezogener Markierung und sozialer Positionierung. In diesem Rahmen arbeitet er zur Verwandtschaft von Antisemitismus und Rassismus. Zu seinen jüngeren Arbeiten gehören Hegel and Colonialism (mit Franz Knappik; Cambridge University Press, 2025) sowie die Aufsätze „Folk Concepts of Race, Cross-Culturally“ (mit Leda Berio u. a.) und „Who Counts in Official Statistics?“ (mit Morgan Thompson und Tereza Hendl).
Raum: X-E0-001